Der Kerzenleuchter

Der Kerzenleuchter

Der gotische Kronleuchter wurde um 1395 gefertigt und ist einer der sechs sogenannten Jerusalemer Leuchter, die noch in Europa erhalten sind. Sie symbolisieren das himmlische Jerusalem, das ‚Reiseziel‘ der mittelalterlichen Gläubigen.

Besonders die erste Ebene des Leuchters fällt ins Auge. Dort stehen die Namen Jesu, Marias und der zwölf Apostel. Sie bilden im wörtlichen wie im übertragenen Sinne das Fundament. Über diesen Namen sieht man zwölf Felder, in denen sich allerlei besondere, teils geheimnisvolle Szenen abspielen. Die Hauptrolle spielt das Einhorn. Es erscheint zehnmal – einzigartig in Europa. Der Legende nach konnte das Einhorn nur im Schoß einer Jungfrau gefangen werden. Da Christus durch die jungfräuliche Maria auf die Erde kam, wurde er mit dem Einhorn gleichgesetzt. So erinnert das Einhorn den Gläubigen an die Menschwerdung und das Leiden Christi.

Weltliche Szenen

Auch weltliche Szenen fallen auf: eine Hirschjagd, ein Liebespaar unter einem Baum und sogar eine tanzende Gruppe. Verschiedene Dichtsammlungen um 1400 rufen zu einer höfischen Liebe und Lebensweise als geistige Station auf dem Weg zu Gott auf. Dabei wird die Frau auf ein Podest gestellt. Sie besitzt die Eigenschaften, Männer zu veredeln. Das sehen wir auch bei dem höfischen Paar unter dem Baum. Mit einem Seil bezwingt die Dame einen gefährlichen Vogel, ein Symbol für irdische Begierden. Für das höfische Paar ist die Erlösung somit nahe, dargestellt durch das Einhorn und die Jungfrau im selben Bildfeld.

Der Leuchter hat noch nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben, bietet Ihnen als Besucher jedoch einen einzigartigen Einblick in die religiöse Mentalität am Ende des 14. Jahrhunderts.